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Eine Geschichte über Ausnahmen, die zur Regel werden sollen

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Die Lebenssituation vieler Roma in Serbien führt oft dazu, dass sie nur die gesetzlich vorgeschriebene Grundschule absolvieren. Wenige finden hinterher einen Arbeitsplatz. Dennoch gibt es gute Beispiele, dass mit ein wenig Unterstützung dieser Trend durchbrochen werden kann.

Die Lebenssituation vieler Roma in Serbien führt oft dazu, dass sie nur die gesetzlich vorgeschriebene Grundschule absolvieren. Wenige finden hinterher einen Arbeitsplatz. Dennoch gibt es gute Beispiele, dass mit ein wenig Unterstützung dieser Trend durchbrochen werden kann.

Statistiken zeigen nach wie vor große Ungleichheiten zwischen der Roma-Bevölkerung und der Mehrheitsbevölkerung Serbiens im Hinblick auf Bildungsabschlüsse und Beschäftigungsaussichten. Bisher liegt der Anteil junger Roma mit qualifiziertem Bildungsabschluss bei etwa 11,5 Prozent – im Vergleich zu 88 Prozent der Jugendlichen der Mehrheitsbevölkerung. Ähnliches zeigt sich bei der Beschäftigungsrate mit etwa 14 Prozent im Vergleich zu 38 Prozent der jungen Menschen der Mehrheitsbevölkerung. Die deutsche Bundesregierung hat sich dazu entschlossen, im Rahmen der Deutsch-Serbischen Entwicklungszusammenarbeit die Stiftung zur Bildungsförderung von Roma („Roma Education Fund“, REF) zu unterstützen, die seit Jahren erfolgreich daran arbeitet, die Anzahl der Roma mit Mittel- oder Hochschulabschluss zu erhöhen und deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist das Projekt „Förderung von Bildungs- und Integrationsmöglichkeiten von Roma in Serbien“, welches von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im Auftrag der Bundesregierung umgesetzt wird. U.a. werden 500 Stipendien für Roma in berufsbildenden Mittelschulen und eine Reihe von Fortbildungen nach Abschluss der Mittelschule finanziert.

Friseurin
Friseurin© Deutsche Botschaft

„Seit der vierten Grundschulklasse wollte ich Friseurin werden“, berichtet Ljiljana Dinić, eine sechzehnjährige Schülerin der 10. Klasse der Kosmetikschule in Belgrad. Ljiljana ist eine von insgesamt 500 jungen Roma, die eines der besagten Stipendien für ihre mittlere Fachausbildung erhalten haben. Ljiljana ist ein Kind, das behütet aufwächst, das sieht man auf den ersten Blick. Sie würde die Mittelschule wahrscheinlich ohnehin beenden. Das Stipendium sorgt dafür, so kann man ihrer Erzählung entnehmen, dass das oftmals schicksalhafte Wort „wahrscheinlich“ aus ihrer Biographie verschwindet. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Unterstützung für ihre Ausbildung, sondern auch um all das, was das Stipendium mit sich bringt. Letztlich hat es Einfluss auf ihre Haltung zur Schule und zu dem, was sie im Leben erreichen kann. „Besonders zu Beginn des Schuljahres kann ich das Stipendium gut gebrauchen: Ich kann von dem Geld die Arbeitsmittel kaufen, die alle Schüler mitbringen müssen: Fön, Bürsten, Wickler… Mir gefällt es in der Schule, die Lehrer geben sich richtig Mühe, uns etwas beizubringen. Ich hatte vor, nach der dritten Klasse abzugehen und mir Arbeit zu suchen, aber jetzt habe ich mich dazu entschlossen, auch die 4. Stufe zu absolvieren, die Ausbildung zum Maskenbildner und Perückenmacher“, erklärt uns Ljiljana während des Gesprächs und gibt mit dem Schlusssatz ihrer Mentorin sozusagen das Stichwort vor.

Friseurin
Friseurin© Deutsche Botschaft

„Während meiner Arbeit in der Schule konnte ich mich davon überzeugen, dass es unglaublich gute Schüler unter den Roma gibt, die jedoch auf Grund der fehlenden sozialen Stimulation in ihrem Umfeld nicht die Möglichkeit hatten, weiter zur Schule zu gehen. Darum habe ich mich entschlossen zu helfen, wo immer ich kann. Als Mentorin verfolge ich nicht nur Noten und regelmäßige Teilnahme am Unterricht, sondern auch, wie die Jugendlichen in der Schule zurechtkommen, ob sie Probleme haben, ob sie Freunde finden… Die Stipendien haben dazu beigetragen, dass wir auch mit den Eltern enger zusammenarbeiten. Sie kommen jetzt viel öfter mit Fragen auf uns zu und wir besprechen viele Dinge gemeinsam. Manchmal telefonieren wir auch, um zu sehen, ob die Schüler direkt von der Schule nach Hause gekommen sind“, sagt Branka Oreščanin lachend. Sie ist pädagogische Koordinatorin an der Kosmetikschule und offensichtlich ihren „Stipendiaten“, derzeit fünf an der Zahl, sehr zugetan. Oreščanin schließt ihre Ausführungen mit den sehr optimistischen Worten: „Ich freue mich sehr, dass ich mich davon überzeugen konnte, dass die Motivation der Schüler von Jahr zu Jahr wächst. Meistens kommen sie her, um nur die erste Ausbildungsstufe zu absolvieren und ein Handwerk zu erlernen. Dann sehen sie, dass sie es drauf haben, sie erkennen die eigenen Potentiale und wollen mehr, was gut für sie ist, und zwar nicht nur in der Schule, sondern auch später, wenn es um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt geht.“

Die Kosmetikschule ist eine von insgesamt 161 Schulen, mit denen REF unter Vermittlung des serbischen Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Technologie an diesem Projekt zusammenarbeitet. Das Interesse an den Stipendien steige mit jedem Jahr, sagt Nataša Kočić-Rakočević, Managerin des REF-Projekts für Serbien, und das vor allem, weil das Stipendium auch Schülern mit einem schlechteren Notendurchschnitt den Besuch der Mittelschule ermögliche, die sonst keine Chance haben. Das von der REF geleitete Stipendienprojekt für Schüler der Mittelschulen existiert seit dem Schuljahr 2007/2008.

Friseur
Friseur© Deutsche Botschaft

Wie Ljiljana macht auch Gaši Orhan die Ausbildung zum Friseur. Aber sein Weg zum Ziel gestaltet sich anders: „Ich bin in die Schule für Bäcker gegangen, weil ich dachte, ich finde dann leichter Arbeit. Ich habe es über das Arbeitsamt versucht, aber ohne Erfolg. Ich wurde zu einigen Gesprächen eingeladen, aber mir wurde gesagt, ich müsste erst zwei Jahre Berufserfahrung haben, bevor ich ein Gehalt bekomme. Dann habe ich angefangen, meinem Bruder und den Nachbarn die Haare zu schneiden. Das hat mir Spaß gemacht. Darum habe ich mir das ausgesucht, als die Leute aus der Stiftung in unsere Siedlung kamen und verschiedene Schulungen anboten“, erklärt uns Gaši, während wir in der angenehmen Atmosphäre der Akademie „Nešić“ in Kragujevac sitzen, in der er dank des Projekts „Förderung von Bildungs- und Integrationsmöglichkeiten von Roma in Serbien“ bereits seit einem Monat eine Friseurschulung besucht.

Gaši ist davon überzeugt, dass er nächsten Monat - so lange dauert die Schulung noch – genug lernt, um sich seinen Traum zu erfüllen – einen eigenen Friseursalon. Sein Mentor Đorđe Nešić, der aus einer Familie stammt, die seit drei Generationen in dieser Branche tätig ist, sagt, das sei durchaus machbar, wenn sich die Dinge fügen. „Ich denke, dass Gaši nach der Schulung selbständig arbeiten kann. Das hängt vor allen Dingen davon ab, wie fest man sein Ziel verfolgt, und von der Motivation. Gaši erfüllt diese Voraussetzungen. Er hat sich richtig reingekniet. Ich persönlich würde mich freuen, wenn er es schafft, denn das würde bedeuten, dass wir einen guten Friseur ausgebildet haben.“ Die Unterstützung des Mentors, die Gaši während der Ausbildung zuteilwird, bedeutet drei Mal wöchentlich intensiven Unterricht beim Mentor.

Im Rahmen des Projekts wurden außerdem fünf Workshops zur Berufsplanung und Berufsberatung mit insgesamt 12 Lehrern und 61 Teilnehmern durchgeführt. Zusätzlich wurden in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Management Fachschulungen für 42 Kandidaten organisiert, zugeschnitten auf die Interessen der Teilnehmer. Sechs Kandidaten der REF hatten die Gelegenheit eine vierzigstündige IT-Schulung mitzumachen, die vom Unternehmen „Smart New Frontier Group“ durchgeführt wurde, während 27 weitere Kandidaten zur Zeit 120 Stunden Englisch- bzw. Deutschunterricht in der Sprachschule „Lingua“ belegen.

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